Thema Sexualität sensibel behandelt

 

Die Beratungsstelle Pro familia macht Aufklärungsunterricht für Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte an der Abendrealschule in Rheine. Knapp 120 vorwiegend erwachsene Zuwanderer, unter anderem aus muslimischen Ländern, konnten jetzt mit den Experten über Sexualität sprechen. Das Interesse war sehr groß, deswegen soll der Unterricht jetzt regelmäßig stattfinden.

Der Aufklärungsunterricht scheint an sich nichts Besonderes mehr zu sein. Schließlich werden schon in Deutschland neben pubertierenden Jugendlichen auch Grundschüler altersgerecht aufgeklärt. Für die Abendrealschule Rheine ist das aber mehr als besonders. Hier handelt es sich nämlich um junge Erwachsene, für die aufgrund der Herkunft, diese Themen ein Tabu sind. „Dieser Unterricht ist extrem wichtig für unsere Schülerinnen und Schüler“, sagt Kristin Attemeyer, Klassenlehrerin der 1b, die komplett aus geflüchteten jungen Menschen besteht. „Besonders in den Naturwissenschaften beim Thema ‚Sinne‘ ist mir aufgefallen, dass meine Schülerinnen und Schüler sich unheimlich schämen im Unterrichtsgespräch das Wort ‚Reiz‘ zu benutzen“, sagt die Lehrerin. “Und wenn man merkt, es sind Erwachsene, die das alles nicht kennen, dann wundert man sich auch“, fügt sie hinzu.

Deshalb hat die Schule Kontakt zur Beratungsstelle Pro familia aufgenommen, deren Vorgaben klar sind: Der Aufklärungsunterricht findet in kleinen Gruppen statt, maximal neun Personen dürfen es pro Sitzung sein, Frauen und Männer strickt getrennt. Die Lehrerinnen und Lehrer dürfen nicht mitmachen. „Wir wollen eine Vertrauensatmosphäre schaffen“, erklärt Andreas Häner von Pro familia aus Münster, der die Männergruppen betreut. „Das Besondere ist nämlich, dass die Geflüchteten oft kulturbedingt in den Familien über diese Themen überhaupt nicht sprechen. Es hat manchmal was mit Tradition zu tun, manchmal auch mit Religion. Wenn wir dann da sind, dann ist endlich jemand in dem geschützten Raum, der sich auskennt, dem man einfach alle Fragen stellen kann“, sagt der Experte und betont dabei, dass der Wissensstand unter den Flüchtlingen sehr gering sei. „Wir hatten hier ein Beispiel. Von einem Teilnehmer kam die Frage, was passiert denn wenn er in die Polizeikontrolle komme und ein Kondom in der Hosentasche habe. Es wird auch gefragt, ob es stimme, dass ein Mann nur tausendmal im Leben Sex haben kann“, verrät Häner.

Noch problematischer ist es etwa bei den meisten muslimischen Frauen, in deren Familien das Thema „Sexualität“ totgeschwiegen wird. Aus diesem Grund wurde die geplante Aufklärung an der Abendrealschule vorher nicht angekündigt. „Wir haben befürchtet, dass es dann einigen Frauen verboten würde, an dem Tag in die Schule zu kommen“, erklärt die Schulleiterin Christiane Beckmann-Veerkamp.

Julia Hantke von Pro familia aus Emsdetten, die mit den Frauen arbeitet, erklärt, dass am Anfang der Veranstaltung immer das Angebot gemacht werde, dass man den Raum verlassen könne. „Das wird aber nicht angenommen, also wir gehen davon aus, dass das Mithören auch attraktiv ist“, fügt sie hinzu. Erschreckend findet sie, „dass bei den meisten Mädchen die Menstruation das erste Mal eingetreten ist, ohne dass sie irgendwelche Kenntnisse davon hatten, was das überhaupt ist. Da sprechen sogar die Mütter mit ihren Töchter darüber nicht, was für uns etwas Normales, Menschliches ist, etwas, worüber man Bescheid wissen soll, damit keine Panik ausbricht“, sagt die Beraterin.

Doch nicht nur das mangelnde Wissen über den eigenen Körper ist das Problem. Viel mehr fehlen die Informationen über die sexuellen Rechte. Die Zuwanderer sind sich bei diesen Themen selbst überlassen. Das findet Lehrerin Kristin Attemeyer sehr gefährlich. „Im Internet ist alles zu finden, viele nützliche Informationen aber auch pornografische Inhalte, die das falsche Bild über die Sexualität vermitteln“, warnt die Lehrerin. Das bestätigt auch Andreas Häner. „Sehr oft haben die Geflüchteten das Gefühl, dass alle Deutschen sehr liberal und freizügig sind, was das Thema Sexualität betrifft und alle machen, was sie wollen“, sagt er und betont dabei: „Dieser Überzeugung wollen wir entgegenwirken, indem wir intensiv über die sexuellen Rechte aufklären, über die Rechte der Frauen oder das Thema Homosexualität. Die sexuelle Selbstbestimmung ist ein sehr hohes Gut bei uns und das sind sie oft nicht gewohnt.“, ergänzt der Berater. Seiner Meinung nach ist es auch ein Unterschied, ob die Geflüchteten mit den Familien oder alleine sind. „Diejenigen, die alleine sich hier zurechtfinden müssen, erleben den Aufklärungsunterricht oft als eine Bereicherung“, erzählt Häner. „Die Jungs erfahren, dass sie endlich ein Mädchen ansprechen dürfen, ohne gleich heiraten zu müssen: Das ist für sie etwas Neues. Wenn sie aber in den Familien sind, dann bleiben sie in den alten Systemen, weil sie immer kontrolliert werden“, bedauert er. Aus diesen Kreisen kommen oft die Vorwürfe, dass durch den Aufklärungsunterricht die Jugendlichen auf den Gedanken gebracht werden, das Sexualleben auszuprobieren. „Und es ist ganz im Gegenteil: Prävention, Information und Aufklärung über den Körper schützen vor Krankheiten, vor ungewollter Schwangerschaft und vor Übergriffen“, sagen einstimmig Hantke und Häner. „Je früher und regelmäßiger es passiert, desto besser, betonen beide Experten der Pro familia. Unter anderem aus diesem Grund hat die Abendrealschule Rheine kürzlich beschlossen, dass der Aufklärungsunterricht regelmäßig angeboten wird und zwar einmal im Schuljahr.

Fotos und Text dieser Seite: Weronika Anger