Mit Abstand – der schwierigste Abschluss

22 Absolventen der Abendrealschule Rheine, die ihren mittleren Abschluss geschafft haben, halten jetzt ihre Zeugnisse in den Händen. Die Abschlussfeier war aber diesmal ganz anders als sonst und fand in der Stadthalle statt. Grund dafür: die Corona-Pandemie. Nur in so einem großen Raum war es möglich, den feierlichen Moment mit Familie zu genießen und gleichzeitig die erforderlichen Abstände einzuhalten.

„Dieser Abschlussjahrgang wird unvergesslich bleiben“, betonte die Schulleiterin Christiane Beckmann-Veerkamp in ihrer Rede. „Erstens verlassen uns junge Menschen, die trotz ihrer manchmal nicht sehr einfachen Lebenssituation, alles dafür getan haben, um ihr Leben und die beruflichen Chancen durch den Abschluss zu verbessern“, erklärte sie. „Zweitens hat dazu die Pandemie beigetragen, die die Schulen in ganz Deutschland mit voller Wucht und einer kompletten Schulschließung traf“.

Wochenlang wusste keiner, was am nächsten Tag passiert. Werden die Prüfungen durchgeführt oder fallen sie aus, wird es noch Präsenzunterricht geben oder nur Onlineaufgaben? Sowohl die Lehrer als auch Schüler waren manchmal am Rande ihrer Kräfte und der Verzweiflung nahe.

Auch Pavel Kunstmann, der Klassenbeste im Abendkurs, zitterte nicht nur einmal um seinen Abschluss. Doch die Hoffnung verlor er nie und stürzte sich fleißig auf die Onlineaufgaben. Der 22-Jährige hat auch in den schwierigen Corona-Zeiten sein Ziel nicht aus den Augen verloren: Besserer Abschluss, besserer Job, bessere Lebensqualität. Einst wollte er Metallbauer werden, begann schon sogar die Ausbildung in dem Beruf, schnell erkannte er aber, dass das der falsche Weg sei, wie er sagt.

„Ich wollte etwas aus meinem Leben machen, jetzt habe ich bewiesen, dass man das kann, wenn man es nur will, egal in welchem Alter, egal unter welchen Bedingungen“, betont der junge Mann. Sein neues berufliches Ziel: Abitur und ein Psychologiestudium, oder wenn das nicht klappt die Arbeit als Programmierer. „Schließlich hat das Programmieren viel gemeinsam mit der Psychologie“, erklärt Kunstmann., „Da programmiert man Maschinen statt Menschen“, grinst er.

Bild oben: Wer freut sich mehr? Der Absolvent (rechts) oder die Lehrerin, die beim guten Abschluss mithelfen konnte?

Auch für Olena Tumareva haben die Themen #wirbleibenzuhause, Homeschooling und Videounterricht für unruhigen Schlaf gesorgt. Die 20-jährige gebürtige Ukrainerin ließ trotzdem nicht nach und bekam als beste Absolventin den Josef-Winkler-Preis der Stadt Rheine.

Tumareva, eine echte Kämpferin, kam mit 17 Jahren mitten in der Pubertät nach Deutschland. Früher hat sie in ihrer Heimat ein bisschen Deutsch gelernt. „Ich habe diese Sprache damals aber gehasst“, sagt sie heute und lacht darüber, „insgesamt hatte ich keinen Bock auf die Schule, habe leidenschaftlich Klavier gespielt und davon geträumt, Dirigentin zu werden“, erinnert sich Tumareva.

Ihre Pläne müsste sie auf Eis legen, als ihre Familie nach Deutschland kam. „Dann kam der Wendepunkt in meinem Leben, als ich ein halbes Jahr zuhause saß und nichts machen konnte“, erzählt sie. „Von den Bekannten habe ich gehört, dass man an der Abendrealschule in Rheine den Schulabschluss nachholen oder verbessern kann, ich habe nicht lange drüber nachgedacht, sondern mich sofort angemeldet, jetzt bin ich so glücklich darüber“, fügt die 20-jährige hinzu. Auch ihre beruflichen Pläne haben sich geändert. Sie möchte Rechtsanwältin werden, und nichts soll sie von diesem Ziel aufhalten, auch die Corona-Pandemie nicht.

Die Abendrealschule Rheine ist eine Schule der zweiten Chance. Junge Menschen sowohl ohne als auch mit Hauptschulabschluss können hier ihre Leistungen verbessern. Diesmal haben es 22 Personen geschafft, die meisten davon mit Qualifikation. Herzlichen Glückwunsch!

Bild unten: Devin (Flügel) und Kirill (Violine) sorgten für einen schönen musikalischen Rahmen.

Text: Weronika Anger